Die unvollendete Straßenbahn: Eine zweite Strecke nach Radebeul

Die mögliche Trasse für die Verlängerung der Straßenbahn von Kaditz nach Radebeul

Die geplante Straßenbahnverlängerung von Kaditz Richtung Radebeul Ost ist ein klassisches „vergessenes Verkehrsprojekt“. Seit Jahren ist das Vorhaben als Option in Planwerken verankert, aber ohne konkrete Umsetzungsschritte und fast unsichtbar in der öffentlichen Debatte. Dabei könnte die Trasse gerade an der Achse Elbepark – Radebeul ein wichtiger Baustein für einen attraktiveren und klimafreundlicheren Nahverkehr sein.

Eine Idee aus der Planersicht

Im Verkehrsentwicklungsplan Dresden 2025plus taucht die Verbindung unter dem nüchternen Titel „Trassenfreihaltung Stadtbahn Kaditz – Radebeul-Ost (M132)“ auf. Hinter dieser technischen Bezeichnung verbirgt sich die Idee, die bestehende Straßenbahnstrecke mit Endpunkt in Kaditz über die Kötschenbroder Straße hinaus zu verlängern. Das neue Ziel der Linie 9 wäre demnach im östlichen Stadtgebiet von Radebeul etwa bis im Bereich zwischen der Spitzwegstraße, dem Kaufland und dem S-Bahnhof Weintraube.

Während andere Projekte mit exakten Linienführungen und Kostenberechnungen untersetzt wurden, blieb diese Stadtbahnverlängerung stets im Status einer freigehaltenen Option. Die Stadt will sich die Fläche sichern, um eines Tages bauen zu können, ohne sich heute festzulegen. Das heißt aber auch: Es gibt keine bis heute keine Planfeststellung, keine Auslegungen, keine tieferen Umweltgutachten und damit auch keine öffentliche Debatte über das „Ob“ und „Wie“ dieser neuen Verbindung.

Kaditz – mehr als nur der Elbepark

Aus Fahrgastsicht beginnt die Geschichte in Kaditz, einem Stadtteil, der vielen vor allem durch den Elbepark ein Begriff ist. Schon heute endet hier die Linie 9, jedoch am Rand des Stadtteils. Rund um Kaditz haben sich in den vergangenen Jahren nicht nur große Einkaufszentren, sondern auch Gewerbe und neue Wohngebiete entwickelt. Gleichzeitig bleibt der Verkehr aber sehr autozentriert.

Wer von Radebeul oder aus dem Dresdner Westen zum Elbepark oder in die Gewerbegebiete möchte, landet schnell im Stau auf der Kötschenbroder Straße oder in zähen Busfahrten, die an der Stadtgrenze enden. Genau hier setzt die Trassenidee an: Eine durchgehende Straßenbahn könnte Kaditz, das Elbepark-Umfeld und den Übergang nach Radebeul verknüpfen – ohne Umstieg, direkt auf der wichtigen Alltagsachse.

Die mögliche Trasse für die Verlängerung der Straßenbahn von Kaditz nach Radebeul
Rote Linie = Die Minimalvariante der Verlängerung bis zum aktuellen Busendkreis
Blaue Linie = Die Vollständige Variante der Verlängerung in Zusammenarbeit mit Radebeul
Schwarze Linie = Mögliche Option zur Verbindung der bisherigen Gleise in Radebeul

Die Lücke vor Radebeul Ost

Spannend wird es dort, wo Dresden und Radebeul aufeinandertreffen im Bereich der Spitzwegstraße. Heute ist dieser Bereich ein typischer Zwischenraum: viel Autoverkehr, großflächiger Einzelhandel, S-Bahn nicht direkt in Reichweite und keine hochwertige Straßenbahnanbindung. Eine verlängerte Linie aus Kaditz könnte hier gleich mehrere Funktionen übernehmen:

  • Direkte Erschließung der Einkaufs- und Gewerbestandorte für Menschen ohne Auto.
  • Bequeme Umsteigemöglichkeit zwischen Straßenbahn und S-Bahn in Richtung Meißen und Dresden-City.
  • Entlastung der Straßen, die momentan Einkaufs- und Pendlerverkehr gleichzeitig schultern müssen.

Gerade die Kombination aus Straßenbahn und S-Bahn eröffnet neue interessante Wegeketten. Statt mit dem Auto ins Elbtal zu fahren, könnte ein Teil der Fahrten auf die Schiene verlagert werden. Dank genügend Flächen für Park-&-Ride zwischen Kaufland und S-Bahnhof Radebeul-Weintraube wäre hier ein perfekter Umsteigepunkt für flexibles Reisen.

Warum das Projekt im Schatten steht

Trotz dieser Potenziale führt der Blick in die Dokumente zu einer ernüchternden Erkenntnis: Die Trasse wird zwar erwähnt, aber nirgends wirklich durchdekliniert. In den Evaluierungsberichten zum VEP steht sie weiterhin als „langfristige Maßnahme“, ohne Zeithorizont, ohne gesicherten Finanzrahmen, ohne politischen Auftrag, die Planung zu starten.

Parallel dazu haben andere Projekte die Agenda übernommen: die Campuslinie, Ausbauten im Dresdner Osten oder Maßnahmen entlang bestehender Hauptachsen. Für diese Vorhaben existieren Planfeststellungsbeschlüsse, detaillierte Karten und oft auch Förderperspektiven – ein deutlicher Kontrast zu der eher abstrakten Erweiterung zwischen Kaditz und Radebeul.

Auch im aktuellen Nahverkehrsplan von DVB und VVO taucht die Verlängerung dort nicht als „konkretes Projekt“ auf, sondern allenfalls am Rande als Option. Damit fehlt der Trasse praktisch die Lobby. Sie ist weder ein offizielles Prioritätsprojekt der Stadt, noch ein prominentes Thema in der Öffentlichkeit.

Was eine Umsetzung verändern würde

Eine Umsetzung hätte positive Effekte auf gleich mehreren Ebenen. Verkehrlich würde eine durchgehende Straßenbahntrasse den dichten Bus- und Autoverkehr auf der Kötschenbroder Straße entlasten und die Verbindung deutlich aufwerten. Städtebaulich könnte eine zweite Schienenachse nach Radebeul neue Impulse für mehr Wohnen, Verdichtung und bessere Aufenthaltsqualität setzen.

Weniger Parkplatzflächen und mehr Stadt anstelle von reinen Verkehrsräumen. Regional wäre die Verbindung ein Baustein für ein integriertes ÖPNV-System zwischen Dresden und dem Oberen Elbtal, bei dem Straßenbahn und S-Bahn nicht nebeneinanderher, sondern miteinander gedacht werden. Auch aus Sicht von Radebeul würde diese Strecke weitere Möglichkeiten eröffnen. So wäre über das Grobkonzept hinaus eine Verbindung du den bestehenden Gleisen der Linie 4 möglich.

Dass diese Chancen bislang kaum diskutiert werden, macht die Trasse zu einem idealen Beispiel für „vergessene Verkehrsprojekte“ in Dresden und Umgebung. Fachlich bekannt, politisch nie entschieden, öffentlich nahezu unsichtbar. Für eine Stadt, die ihre Klimaziele ernst nimmt und gleichzeitig mit wachsendem Pendler- und Einkaufsverkehr ringt, ist das eine von vielen bemerkenswerte Leerstellen. Eine weitere befindet sich im Dresdner Süden rund um Gittersee. Die Konzepte für die dortige Erweiterung liegen ebenfalls seit Jahrzehnten in der Schublade.

Kartenmaterial © Leaflet – Darstellung: OpenRailwayMap, Daten © OpenStreetMap-Mitwirkende